So ein Shitstorm regt ja zum Nachdenken an. Beim Versuch, sich in die Jagdhasser- und Tierrechtsaktivisten-Szene hinein zu versetzen, kam mir die Idee, mal mit jemandem zu sprechen, der sie ein bisschen besser verstehen könnte, als ich.

Fabian Grimm und ich sind Kollegen. Wir beide schreiben, wir beide jagen. Mit dem Unterschied, dass Fabian sieben Jahre lang Vegetarier war. Ich habe mit ihm über nervige Jäger-Marotten, die Liebe zu Lebewesen und natürlich auch über sein neues Buch gesprochen.

Ein Buch, in dem beschrieben wird, wie ein Vegetarier jemand zufällig zum Jagdschein kommt. Fabian Grimm erzählt von seinen Gedanken und seiner Entwicklung und seiner neuen Beziehung zur Landwirtschaft. Foto: F. Grimm


Wildblond: Lieber Fabian, viele kennen dich bei Instagram als @hautgout. Schön, dass wir heute miteinander sprechen. Grund ist dieser Shitstorm, von dem du schon mitbekommen hast. Ich empfinde viele dieser Jagdhasser irgendwie als humorlos, weil sie immer so ernst sind. Wie siehst du
das?

Fabian: Als humorlos würde ich Vegetarier nicht beschreiben, eine gewisse Strenge haben sie sicher aber das erlebe ich auch oft bei Jägern, beispielsweise, wenn es um den letzten Bissen geht. Viele Menschen sind eben streng und ernst, wenn es um Themen geht, die ihnen wichtig sind

Wildblond: guter Punkt, da gebe ich dir recht. Ich habe ja ein bisschen in deinem Buch gelesen. Du warst etwa sieben Jahre Vegetarier, hast dann 2013 deinen Jagdschein gemacht. Wie kam es dazu?

Fabian: Meine heutige Frau hat Forstwissenschaften studiert und wir waren beide Vegetarier. Über das Studium bekamen wir Berührungspunkte zur Jagd und mussten uns plötzlich damit auseinandersetzen. So kam ein Prozess in Gang, an dessen Ende die Jägerprüfung und mein erstes Stück Fleisch nach vielen Jahren Vegetarismus stand. Inzwischen esse ich wieder Fleisch, gerne und regelmäßig, aber eben von selbst erlegtem Wild. Die ganze Geschichte erzähle ich in meinem Buch.

Wildblond: Du schreibst, dass du es faszinierend fandest, dass man relativ wenige Tiere töten muss, um sich ein Jahr davon zu ernähren – im Gegensatz dazu müsste man sehr viel Gemüse und Obst anbauen. Doch am Ende steht eben der Tod eines Lebewesens. Gibt es einen Unterschied zwischen dem Bild, das du als Vegetarier vom Töten hattest und dem, wie du es heute siehst?

Fabian: Mh, nein, das würde ich nicht sagen. Wir streicheln die Tiere nicht tot. Es fließt Blut. Es ist kein schöner Anblick. Auch wenn man sich die Schusswirkung vor Augen führt, man sieht welche Kraft und Gewalt dahinter steckt, so eine Wunde zu reißen, dass sogar ein halbes Schulterblatt weggerissen wird, dann habe ich das damals schon gut eingeschätzt.

Wo ich viel mehr von der Vegetarier-Einstellung weggekommen bin, ist beim Thema Landwirtschaft. Ich war überrascht, wie nah die Landwirte ihren Tieren stehen. Ich konnte mir das früher nicht vorstellen aber heute ist mir das klar: sie verbringe jeden Tag mit den Tieren und wollen, dass es
ihnen gut geht. Klar, sie landen am Ende beim Schlachter aber trotzdem sind Menschen ja an sich empathische Lebewesen.


„Ich habe schon das Bedürfnis, auch die unschönen Bilder zu zeigen.“

Fabian Grimm

Wildblond: Kommen wir nochmal zurück zu dem, was du eben über die Schusswirkung usw. gesagt hast. Ich habe auch aus Jägerreihen Kritik für mein Foto bekommen, weil viele es nicht als waidgerecht empfinden.

Ich setze dagegen, dass wir als Jäger zu oft dazu neigen, ein Bild von der Jagd zu zeigen, das nicht der Realität entspricht. Es ist wie beim Milchkarton: Da ist eine Kuh auf einer Weide drauf zu sehen aber die meisten Milchkühe stehen aus guten Gründen eben oft im Stall.

Fabian: Ja, das ist eine interessante Frage. Ich komme ja aus dem Bereich der Bilder, habe Kommunikationsdesign studiert und ich denke, dass es eigentlich kein richtig und falsch gibt. Inzwischen wollen Verbraucher wieder gläserne Metzgereien und mehr Transparenz. Andererseits muss man ja auch nicht immer gleich alles zeigen. Es ist eine Gratwanderung.

Ich habe schon das Bedürfnis, auch die unschönen Bilder zu zeigen aber die stelle ich dann gerne neben ein Bild eines fertig angerichteten Tellers. Wenn man nicht ausschließlich Erlegerbilder postet, sondern es einordnende Elemente gibt, dann finde ich das okay.

Wildblond: Findest du die Jagdhasser anstrengend? Werfen sie ein schlechtes Licht auf Vegetarier?

Fabian: Ich habe schon das Gefühl, dass das eher so ein Internet-Ding ist. Im normalen Leben kann man meistens auch gut mit Vegetariern über die Jagd sprechen.

Wildblond: Die Erfahrung kann ich bestätigen. Macht dir jagen Spaß oder machst du es nur, um dich zu ernähren?

Fabian: Beides ist ein Antrieb. Ich finde es eben schön, den gesamten Prozess zu erleben, vom Sonnenaufgang bis zum fertigen Gericht auf dem Teller. Das ist angenehmer, schöner und freudvoller, als am PC zu sitzen und nachverfolgen, wo genau jetzt die Haferflocken herkommen.

Wildblond: Geht mir genauso. Ich finde es in diesem Zusammenhang aber immer lustig, wenn Jäger sagen, dass sie nur jagen, um das Gleichgewicht der Natur zu halten, weil es lange keine Großprädatoren mehr gab. Mal ehrlich, ich bin noch nie morgens aufgestanden, weil ich dachte: „Oh, heute muss ich mal wieder ein Gleichgewicht herstellen“. Ich stehe morgens auf, weil es mir Freude macht zur Jagd zu gehen.

Fabian: Ja, ich denke das auch immer beim Wildschadensargument. Als würde jemand wegen den Wildschäden jagen. Die Motivation liegt in uns.

Wildblond: Ist das nicht vielleicht eines der großen Kommunikationsprobleme zwischen Jägern und anderen Landnutzern, dass wir versuchen, alles so aussehen zu lassen, dass vermeintlich mehr
Akzeptanz findet?

Fabian: spannende Frage. Jedenfalls ist es ihnen ein großes Anliegen. Wenn man bei Instagram den Hashtag „Öffentlichkeitsarbeit“ eingibt, dann findet man da nur Beiträge von Jägern, Landwirten und den Feuerwehren. Dabei finde ich, dass man die Jagd einem vernünftigen Menschen doch relativ gut
erklären kann.

Wildblond: wenn man so spricht, dass man verstanden werden kann… Du und die Jägersprache haben eine besondere Beziehung…

Fabian: (lacht) ja, das stimmt. Auf meiner ersten Drückjagd war ich als Treiber. Ich war dort, um die Jagd kennenzulernen und dann stand da jemand, den ich nicht verstand. Die ganzen Sache mit dem Brauchtum spielt eine große Rolle in meinem Buch, denn ich hatte am Anfang auf jeden Fall Berührungsängste. Deswegen benutze ich auch meistens eine normale Sprache, damit mich jeder verstehen kann.

Wildblond: Lieber Fabian, vielen Dank für das Interview. Ich wünsche dir ganz viel Erfolg mit deinem Buch und lege es nicht nur Jägern und Nicht-Jägern sondern auch den Landwirten ans Herz.

Schaut mal rein! Es heißt „Ich esse, also jage ich!“

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